Spion wider Willen
oder die Geschichte von ......

ach was, lasst euch einfach überraschen

Mein Name ist Drirr Meonna Aza‘ Trom, ich bin ein Chig, wie unschwer am Namen zu erkennen ist. Mein Onkel Zhyddye, ich nenne ihn Onkel, weil er seit meiner Geburt für mich sorgt, ist Leiter einer Militärbasis, genauer gesagt, er ist der Leiter der Forschungsstation dieser Militärbasis. Bestimmt hat er den Tag meiner Geburt schon mehr als einmal verflucht. Verdenken könnte ich es ihm nicht. Eines Tages nahm er mich mit zu seiner Arbeitsstelle. Nicht, dass mich seine Arbeit sonderlich interessiert hätte, aber mir blieb keine andere Wahl. Also trabte ich eben mit. Man dachte, dass sich dort vielleicht eine Arbeit finden würde, die mir lag. Genau genommen lag mir kaum eine Arbeit. Es ist nicht so, dass ich nicht arbeiten wollte, aber aus einem unerfindlichen Grund schaffte ich es immer wieder, mich in Schwierigkeiten und die anderen in große Probleme zu bringen.

Ich war das was die Menschen einen Pechvogel nannten. Das begann schon vor meiner Geburt. Ich lag friedlich und verträumt in meiner Brutkammer, als die Menschen beschlossen hatten, unseren heiligen Mond in einen Kriegsschauplatz zu verwandeln. Und wie Menschen nun mal sind, hatten sie nicht den geringsten Respekt vor uns ungeborenen Kindern. Genau in der Höhle, in der ich auf meine Geburt wartete, fing einer von ihnen eine Schießerei an. Einige der Kugeln "verirrten" sich auch in unsere Brutkammern und viele meiner Brüder starben. Ich selbst wurde von einer Kugel verletzt, überlebte aber. Eigentlich hätte aus mir ein stattlicher Soldat werden sollen, aber durch die Verletzung verlief meine Entwicklung nicht so wie sie sollte und ich wurde ... naja ... ein etwas klein (gemessen an der beeindruckenden Größe eines Soldaten) geratener Pechvogel. Was immer ich auch für Arbeiten übernehmen sollte, es ging schief. Und so langsam gingen unseren Oberen sowohl die Ideen wie auch die Geduld aus was mich betraf. Doch zurück zu meinem Onkel.

Wir betraten die Basis und gingen einen langen Flur entlang zum Büro meines Onkels. Überall lief militärisches Personal herum. Einige trugen schon die metallisch glänzenden Rüstungen, was auf einen baldigen Einsatz im Weltraum schließen ließ. Die Rüstungen sahen ja schon sehr imposant aus, aber ich legte keinen gesteigerten Wert darauf, einmal selbst in so ein Teil gezwängt zu werden. Jetzt nicht mehr. Nicht auszudenken, was mir alles in dieser Rüstung zustoßen konnte. Geschweige denn meiner Umgebung. Vermutlich hätte ich mich auch ohne Feindeinwirkung in meine Bestandteile aufgelöst und wäre damit bestimmt der erste Chig, der selbst den Schutzmechanismus der Rüstung ausgelöst hätte ...

Auf dem Weg kamen wir an einer Tür vorbei, die ganz groß die Aufschrift "Zutritt strengstens verboten" trug.

"Onkel Zhyddye. Was ist hinter der Tür?"
"Nichts was dich interessieren würde" war die Antwort.

Woher wollte er das denn wissen? Er kannte mich doch gar nicht und mich interessierte prinzipiell alles. Besonders verschlossene Türen, die mich nicht zu interessieren hatten. Vermutlich war das einer der Gründe, warum ich mich immer wieder in Schwierigkeiten brachte. Ich war einfach zu neugierig. Die verirrte Kugel hatte wohl nicht nur Auswirkungen auf meine Größe.

Wir kamen in seinem Büro an und er fing an, mich voll zu labern. <gäääähn> Von allen Verwandten, die ich hatte, war er eindeutig der langweiligste. Dieser Mann konnte stundenlang reden, ohne auch nur ein einziges wichtiges Wort von sich zu geben. Zum Glück neigte er nicht dazu, Fragen zu stellen, so dass man wundervoll abschalten und seinen eigenen Gedanken nachhängen konnte. Zum Beispiel wie man die verschlossene Tür aufbekommt. Plötzlich fiel mir der Kristall wieder ein, mit dem wir in das Gebäude gekommen waren. Wenn er Zugriff in die Basis gewährte, vielleicht kam man damit auch hinter diese Tür? Immerhin war mein Onkel der Leiter dieser Forschungsstation. Ich überlegte mir also wie ich an den Kristall kommen konnte, ohne dass es meinem Onkel auffiel. Das würde sicher nicht einfach werden. Er machte zwar einen mächtig langweiligen und langsamen Eindruck, aber das täuschte.

Er erzählte weiter. Irgendwann kam er dann auch endlich auf den Punkt. Sie hatten keine Arbeit mehr für mich und eigentlich auch keine sinnvolle Verwendung. Also sollte ich die Rüstungen reinigen. Wohlgemerkt die Rüstungen, nicht etwa die Waffen. Vermutlich wussten sie schon, was sie erwarten würde, gäbe man mir eine Waffe zum Reinigen. Aber Rüstungen waren ungefährlich. So sollte also mein restliches Leben aussehen. Dreckige und womöglich mit dem roten stinkenden Zeug verschleimte Rüstungen polieren. Na Klasse. Das war der Traum meiner schlaflosen Nächte. Das wollte ich immer werden. Aber hatte ich eine Wahl? NEIN. Natürlich nicht.

Ich wartete also auf meine weiteren Instruktionen. Onkelchen stellte gerade meinen Ausweis her. Immerhin hatte ich ja Zugang zu einer militärischen Basis. Ich war wichtig! <seufz> Während er also meine Zugangsberechtigung kodierte, hing ich wieder meinen Gedanken nach und versuchte mir vorzustellen, was ich wohl alles bei meiner zukünftigen Arbeit würde falsch machen können. Da begann der Kommunikator meines Onkels zu blinken. Mein Onkel nahm das Gespräch an und wurde bald sehr aufgeregt. So aufgeregt, dass er fluchtartig den Raum verließ und dabei seinen Zutrittskristall auf dem Tisch vergaß. Glück muss der Chig haben, nicht? Also, wenn das kein Wink des Schicksals war ... <hehehehe>

Ich beschloss, mir den Kristall für eine Weile zu entleihen und machte mich sehr dezent auf den Weg zu der geheimnisvollen Tür. Als ich das Büro meines Onkels verließ, bereitete ich mich seelisch darauf vor, gleich von der nächsten Wache entdeckt zu werden. Aber der Flur war leer. Absolut leer. Na, mir sollte es recht sein. Ich rannte also so schnell ich konnte zu der Tür und probierte den Kristall aus.

Klick. Zisch.
Die Tür ging auf.

Es war ein relativ kleiner Raum, vollgepackt mit Technik. Überall standen Maschinen herum, hingen Kabel herab. Computer wohin man sah. Ein paar Schutzanzüge hingen an der Wand. Eine durchsichtige Kammer etwa von der Größe eines Chigsoldaten stand zentral im Raum. Hmmm ... mein Onkel hatte Recht, hier war wirklich nichts was mich interessieren konnte.

Gerade als ich beschloss, wieder zu verschwinden, hörte ich Stimmen im Flur. Die Stimmen kamen näher und die meines Onkels war dabei. Wenn der mich hier fand, mit seinem Kristall in meinen Händen ... Nein, ich wollte mir lieber erst gar nicht vorstellen, was er dann mit mir tun würde. Oder unsere Oberen. Jetzt war guter Rat teuer. Die Stimmen kamen immer näher und hier war wirklich nichts, wo man sich verstecken konnte. Die Schutzanzüge. Mit etwas Glück ...

Die Tür ging auf und mein Onkel kam mit einigen Wissenschaftlern herein. Sie waren alle sehr aufgeregt, aber ich hatte keine Chance, in meinem Schutzanzug den Raum zu verlassen. Mein Onkel verschwand wieder. Als ich mich ihm anschließen wollte, hielt mich einer der Wissenschaftler am Arm fest.

"Wohin denn so eilig, Akun?" fragte er.
"Es gab einen Zwischenfall im Nahje-Sektor. Wir müssen unser Projekt sofort durchziehen. Gut, dass du gleich hergekommen bist und dich schon umgezogen hast. Das erspart uns eine Menge Zeit."

Akun? Zwischenfall im Nahje-Sektor? Projekt? Wovon sprach der Typ eigentlich? Mich beschlich wieder dieses seltsame Gefühl, dass ich immer bekam, wenn ich gerade dabei war, in große Schwierigkeiten zu geraten. Plötzlich bekam ich eine Injektion in den Arm. Es brannte wie Feuer und mir wurde schlecht. Fürchterlich schlecht. Alles um mich herum verschwamm. Während ich in die durchsichtige Kammer gelegt wurde, sah ich verschwommen das Namensschild auf dem Schutzanzug. Akun. Aha. Die Kuppel der Kammer schloss sich. Blaues Gas strömte ein. Alles wurde schwarz um mich herum.

‚Wieso kannst du nicht einmal deine Neugierde zähmen?‘ dachte ich noch, bevor ich endgültig einschlief.

Ein neuer Tag

Als ich wieder zu mir kam, roch es einfach widerlich um mich herum. Ich sah mich um und überall lagen Menschen. Tote Menschen. Aus ihnen lief das stinkende rote Zeug. Überall. Man konnte kaum noch ihre Gesichter erkennen. Oh Mann, war das ein Alptraum! So real. Ich legte mich wieder hin und schloss die Augen. Was hatten die nur in das blaue Gas gemischt? Das war bestimmt die Rache dafür, dass ich wieder mal so neugierig war. Und dieser Gestank ... Mir schwanden die Sinne und ich wurde wieder ohnmächtig.

"Autsch. Verdammt." Als ich wieder zu mir kam, packte mich gerade ein Riese, warf mich über seine Schulter und rannte mit mir davon. Ich wusste gar nicht wie mir geschah. Also wenn das immer noch ein Traum war, dann war es der lebhafteste den ich je hatte. Und der schmerzhafteste. Hey, da hinten waren meine Brüder und wir rannten vor ihnen davon. Und sie schossen auf uns. Auf mich. Da konnte doch was nicht stimmen. Der Riese, der mit mir auf der Schulter davonrannte, war ein MENSCH. <AAAAAAAHHHHH> Ein lebender noch dazu. Was zur Hölle sollte das denn jetzt bedeuten?

Plötzlich wurde mir alles klar. Die wollen mich entführen. Und Aufschneiden oder essen. Sie wollten bestimmt zu Ende bringen, was sie damals in unseren Bruthöhlen nicht geschafft hatten. Aber nicht mit mir. Ich begann mich zu wehren und schlug heftig um mich.

Der Riese fiel hin und schnauzte mich an "Tickst du noch ganz richtig Marine?" Marine? Mit wem sprach der denn? Mich konnte der nicht meinen. Ok, immerhin hätte ich ja ursprünglich ein Soldat werden sollen, also besann ich mich auf meine nicht vorhandenen Talente, zielte, holte aus und schlug zu. Der Riese sah mich nur kurz verwundert an, mein Treffer hatte ihm anscheinend nicht viel ausgemacht und schlug zu. Wieder wurde alles schwarz. Und es tat höllisch weh.

Ein neuer Ort

Ich wachte in einem Bett auf. Angeschnallt. Ich sah mich um. Es schien eine Art Krankenstation zu sein. Überall lagen verletzte Menschen und so roch es auch. So, hier war ich nun also. Bereit zum Ausschlachten. Vielleicht machten sie ja vorher auch noch ein paar Experimente mit mir. Wie gern hätte ich jetzt Rüstungen poliert. Eigentlich wollte ich in diesem Moment nur noch Rüstungen polieren. Ich wäre bestimmt ein ganz guter Rüstungssäuberer geworden. Ganz bestimmt.

Ein Mensch in weißer Kleidung näherte sich mir.

"Wie geht’s Ihnen, Stevenson? Wie fühlen Sie sich?"

Hm ... wen meinte dieser Mensch nur? Er stand zwar vor meinem Bett, aber wieso konnte ich ihn überhaupt verstehen? Man, sind Menschen hässlich. Und so behaart. Immerhin roch dieser Mensch nicht so widerlich wie die anderen. Wenigstens etwas.

"Mein Name ist Dr. Drake. Wie fühlen Sie sich?"

Bescheiden, aber wie sollte ich das denn dem Menschen verständlich machen? Der verstand mich ja doch nicht, also ersparte ich uns beiden eine Antwort. Dieser Mensch nahm eine Lampe und leuchtete mir damit in die Augen. Wäre ich nicht festgebunden gewesen, ich hätte ihm die Lampe sonst wohin gesteckt. Jetzt sah ich nur noch helle Lichter. Klasse. Gefesselt und geblendet.

Ein zweiter Mensch kam an mein Bett. Die Stimme klang höher als die des anderen.

"Geben Sie ihm noch eine Injektion, Schwester. Lassen Sie ihn noch eine Weile schlafen. Ich komme dann später wieder."

Schwester? Schlafen? Nein, ich wollte nicht schon wieder schlafen. Auf gar keinen Fall. Wer weiß, wo ich dann aufwachen würde. Nein ... ich will ni... es wurde mal wieder schwarz ...

"Hallo. Hallo. Hören Sie mich? Stevenson?"

Jemand rüttelte an mir herum. Die Stimme. Das war wieder die Schwester von vorhin. Wann immer vorhin auch gewesen sein mochte. Ich öffnete die Augen.

"Doktor Drake. Er ist wach."
"Ah. Gut. Ich komme gleich."

Gott bewahre. Bleib wo du bist Mensch.

"Wie geht es Ihnen denn, Marine Stevenson?"

Der meinte mich.

"Marine Stevenson?" blubberte es aus mir heraus und meine Stimme klang seltsam fremd.

Der Mensch Dr. Drake bekam Falten in seiner Stirn.

"Wie viele Finger sehen Sie hier, Marine Stevenson?"
Hm ... ich zählte und zählte ... "Definitiv einen zuviel," war meine Antwort.

Die Falten in der Stirn des Menschen wurden noch schlimmer. Er schien sehr besorgt zu sein. Aber fünf Finger waren nun mal einer zuviel. Jedenfalls für einen Chig. Wieso nannte der mich dauernd Marine Stevenson?

"Amnesie. Vermutlich hat der Schlag das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen. Bringen Sie ihm etwas zu essen, Schwester."

Ich musste dem Menschen Recht geben. Meinem Gehirn schien es wirklich nicht gut zu gehen, wenn es solche Alpträume hervorbrachte. Die Schwester des Mannes brachte mir etwas zu essen. Besonders appetitlich sah das aber nicht aus. Aber das war mir plötzlich egal.

Im Becher vor mir sah ich mein Gesicht. Es war das eines Menschen. Ach du heilige ... so langsam begriff ich. Ich war in ein menschliches Äußeres transformiert worden. Da war er wieder. Mein Pechvogelfaktor.

Die Tür ging auf und der Riese kam herein. Er steuerte direkt auf mich zu. Ich schloss die Augen. Bestimmt würde er mich jetzt wieder anbrüllen oder mir wieder eine verpassen. Nicht schon wieder schlafen, bitte. Ich hatte nun wirklich genug geschlafen für die nächsten Tage.

"Hey Mann, geht’s dir gut? Ist wieder alles in Ordnung? Ich hoffe, mein Schlag war nicht zu schmerzhaft," grinste er.
"Marine Stevenson hat Amnesie. Er erinnert sich an nichts mehr," meinte die Schwester.
"Oh gut" sagte der Riese.
"An den Schlag erinnere ich mich noch," hörte ich mich sagen.
"Sch ......" zischte er.
"Mein Name ist Coop. Cooper Hawkes."
"Äh, ich heiße ... ähm ..."
"Stevenson. Nick Stevenson. Du gehörst zum 34ten."
"Gehöre ich?"
Cooper grinste. "Ja. Gehörst du."
"Sie müssen jetzt gehen, Lieutenant."
"Ok, bis morgen Nick."
"Äh ... bis morgen ... Coop?" Da stand mir ja was bevor. Der Name Cooper Hawkes sagte mir dann doch etwas. Er war so was wie ein lebendiger Alptraum für unsere Soldaten. Genauso wie das restliche 58te. Die Wildcards. Hätte mich denn nicht ein anderer Marine niederschlagen können? Nein, ausgerechnet Cooper Hawkes von den Wildcards. Wenn ich mich recht erinnere, war er damals bei der Schießerei in unseren Bruthöhlen dabei. Ich hatte wirklich ein ganz besonderes Glück.

Begegnung der seltsamen Art

Cooper blieb mir zum Glück die nächsten Tage erspart. Das 58te war wieder mal aufgebrochen, um meine Brüder zu dezimieren. Zwei Tage später wurde ich dann entlassen. Auf dem Weg in mein Quartier, wo immer das auch sein mochte, begegnete ich einem dunklen Mann. Als ich vorbei war, hörte ich hinter mir eine tiefe und sehr strenge Stimme.

"Marine!"

Meinte der mich? Wohl kaum, also ging ich weiter.

"MARINE!"

Hm .... wohl doch. Ich drehte mich um.

"Ja? Was kann ich für Sie tun?" Diesen Text hatte ich während meines Aufenthalts auf der Krankenstation gehört und er schien mir passend und unverfänglich zu sein.

"Was Sie für mich tun können, Marine?" schrie mich der dunkle Mann an.

Ups. Definitiv der falsche Text. Ich sah ihn so unschuldig wie möglich an. Er baute sich vor mir auf, seine Augen schienen ihm gleich aus den Augenhöhlen zu fallen, so weit riss er sie auf. Er kam ganz nah an mein Gesicht heran. Sein Gesicht sah seltsam verzerrt aus. Er musste sehr krank sein, wie sonst konnte man diese Verzerrungen sonst erklären. Vielleicht eine Kriegsverletzung? Seine Nase berührte fast die meine als er mich fragte: "Wissen Sie eigentlich, wen Sie hier vor sich haben?"

"Äh ... Nein. Sollte ich?"

Der Mann sah mich sehr verwirrt an. Kurz darauf befand ich mich wieder in der Krankenstation, bewacht von zwei schwerbewaffneten Marines. Der dunkle Mann unterhielt sich sehr energisch mit Dr. Drake. Sie sahen ein paar Mal in meine Richtung. Der dunkle Mann ging. Dr. Drake wies mich an, auf einem Stuhl Platz zu nehmen und zu warten. Er schien während des Gesprächs mit dem dunklen Mann viele neue Furchen in seinem Gesicht bekommen zu haben.

Nach einer Weile kam ein anderer seltsam gefärbter Mann herein. Er kam zu mir und meinte: "Hi, ich bin Wang. Paul Wang. Ich soll dich abholen. Du wohnst jetzt eine Weile bei uns."

Wang. Auch einer von den Wildcards, wenn ich mich nicht sehr irrte. Und ich sollte bei ihnen wohnen? War ja klar. Was auch sonst? Ich trabte also brav neben ihm her.

"Hast Du wirklich Commodore Ross gefragt was du für ihn tun kannst?"
"Wen?"
"Na Ross."
"Der dunkle Mann?"
"Dunkler Mann? Du scheinst mehr abbekommen zu haben, als wir dachten. Aber das wird schon wieder. Der dunkle Mann ist Commodore Ross. Der Kommandeur der Saratoga. Und wenn man ihm auf dem Flur oder sonst wo begegnet, dann läuft man nicht an ihm vorbei, sondern grüßt ihn entsprechend seines Ranges."
"Aha"
"Und er ist nicht dunkel, sondern Afro-Amerikaner."
"Auch recht. Und was bist du?"
Schon wieder dieser verwirrte Gesichtsausdruck, aber Wang erholte sich schnell und meinte: "Asiate, amerikanischer Herkunft." Du meine Güte, war das kompliziert.

Inzwischen hatten wir das Quartier des 58ten erreicht und betraten den Raum. Und da waren sie alle. Alle unsere Alpträume auf ein paar Quadratmetern versammelt.

Coop kam als erster und klopfte mir sehr herzhaft auf die Schulter. Ich verlor das Gleichgewicht und landete in einem der Betten. Offensichtlich nicht in meinem, denn eine Stimme aus dem Hintergrund meinte "Das ist nicht dein Bett." Eine andere Stimme tadelte Cooper. Der zog mich dann auch gleich wieder schuldbewusst aus dem Bett, stellte mich den anderen vor und zeigte mir meinen Spind und meine zukünftige Schlafstatt. Dummerweise lag sie in einer der oberen Etagen. Das konnte ja heiter werden.

Wang und Nathan erzählten mir dann, dass sie den Auftrag hatten, sich etwas um mich zu kümmern, während ich darauf warten sollte, bis ich zur Erde gebracht würde. Zurück zu meiner Familie. Meine Familie. Tja, die lag aber in der absolut entgegengesetzten Richtung. Hier war ich nun, mitten unter unseren Feinden. Aber vielleicht war das sogar Absicht, schoss es mir durch den Kopf. Hatten mich unsere Oberen vielleicht absichtlich zu den Menschen "entsorgt"? Immerhin war ich eine wandelnde Katastrophe und wenn ich bei den Menschen genauso ... Ich war frustriert. Wenn das wirklich so war, dann hatte ich kaum eine Chance auf Rettung und musste wohl oder übel versuchen das Beste aus meiner Situation zu machen.

Die Tage vergingen und ich versuchte, mich einzugewöhnen. Leicht war das aber nicht. Alles war so fremd. Und dieser ständige Geruch von Blut. Diese Menschen waren wirklich rote Stinker. Aber ich muss auch zugeben, dass sie sich wirklich sehr fürsorglich um mich kümmerten. Sie waren alle sehr nett. Besonders das 58te. Sie versuchten wirklich alles, um mein Gedächtnis wieder zu beleben. Cooper schleifte mich zu seinem Schießtraining mit und Wang übte ein Ballspiel, es heißt Basketball, mit mir. Nathan erzählte mir dauernd, was für ein lustiger Kerl ich gewesen war. Ein paar Mal hätte ich ihnen am liebsten die Wahrheit gesagt, aber ich fürchtete, dann wären sie nicht mehr so nett zu mir gewesen.

Die Menschen waren eine sehr eigenartige Rasse und manchmal, nein eigentlich immer, schwer zu verstehen. Sie meckerten fast ständig über das Essen, was ich meistens auch verstehen konnte, aber ich war ein Chig und an anderes Essen gewöhnt, sie aber waren Menschen. Wieso sollte der Koch der Saratoga versuchen, sie zu vergiften wie Damphousse es ausdrückte? War er vielleicht auch ein transformierter Chig? Besonders eine Speise, die aus Kohl bestand, schien sie zu ängstigen. Sie versuchten mit allen Mitteln, Cooper daran zu hindern, dieses Zeug zu essen. Nathan erklärte mir, dass Kohl bei Cooper zu Verdauungsproblemen führte, die sich in schrecklichen Gerüchen äußerten. Nun, so schrecklich roch das gar nicht. Jedenfalls nicht schlimmer als das Blut der Menschen. Außerdem schmeckte der Kohl gar nicht so übel. Ich konnte gut verstehen, dass Cooper diese Speise so gern mochte.

Ein beliebtes Unterhaltungsthema der Menschen schien Sport zu sein, besonders ein Spiel, das Football hieß. Also ich konnte beim besten Willen nicht verstehen, worin der Reiz bestand, sich für ein Stück Leder umrennen zu lassen. Aber ich war ja auch ein Chig. Als ich auf dem Weg zur Tun Tavern den Flur entlang ging, hörte ich ein paar Menschen über einen Theaterabend sprechen. Ein Theaterabend? Ich beschloss, mal meine "Kontaktpersonen" zu fragen.

Nach Shane‘s Erklärung war ich noch verwirrter. Shakespeare? Wer war das denn? In den Besatzungslisten konnte ich den Namen nicht finden, von Raumstationen und Planeten waren wir ewig weit entfernt und ein Treffen mit einem anderen Raumschiff stand auch nicht bevor. Also wer zum Henker (eine Redensart der Menschen) war dieser Shakespeare? Und wer war mit Romeo und Julia gemeint. Es gab zwar eine Julia an Bord und auch ein Romeo war zu finden, der sich jedoch bei näherer Betrachtung als Hamster (eine kleine nachtaktive Tierart von der Erde) herausstellte. Aber was wollten dieser Shakespeare und diese Julia denn von diesem kleinen Tier? Meine Verwirrung wuchs. Befanden wir uns denn nicht im Krieg? Wieso veranstalteten die Menschen denn mitten im Krieg einen Theaterabend? Die haben vielleicht Nerven.

Ich befragte Wang auch noch mal zu dem Theaterabend. Aber ich erhielt nicht wirklich brauchbare Informationen. Ganz im Gegenteil. Schauspielerei? Bücher? Kunst? In der Literatur konnte ich nirgends einen Hinweis auf sprachliche Fähigkeiten bei Hamstern finden. Warum sollte man ein Buch auswendig lernen und es dann bildlich darstellen, vor allem wenn der Schreiber schon Jahrhunderte tot war und sich kein erkennbarer Nutzen aus dem Buchinhalt ziehen ließ? Langeweile. Das war der einzig vernünftige Grund.

Also ging ich an jenem Abend gespannt zu der Vorstellung. Vor allem die Hamsterfrage interessierte mich brennend. Ich setzte mich zusammen mit den anderen in eine der hinteren Reihen. Es wurde dunkel. Wieso machten die jetzt das Licht aus? Sollte die Dunkelheit das Verständnis fördern oder nur die kahlen Wände des Raumes verdecken? Plötzlich wurden mir die Zusammenhänge klar. Hamster sind ja nachtaktive Tiere. Vermutlich musste es dunkel sein, damit der Hamster seine Rolle spielen konnte.

Es wurde immer rätselhafter. Das Licht ging im vorderen Teil des Raumes wieder an. Seltsam angezogene Leute standen vor der Nachbildung einer menschlichen Behausung. Ob die merkwürdige Kleidung wohl zum USMC-Standard gehörte? Jedenfalls hatte ich noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Was sie dem Hamster in ihrem Wahn wohl anziehen würden? Die Aufführung begann. Doch wo war der Hamster, wo war Romeo? Langsam begriff ich, dass ein Mensch die Rolle des Hamsters übernommen hatte. Vermutlich hatten sie keine passende Kleidung für den Hamster gefunden oder erst jetzt bemerkt, dass er nicht die nötigen Organe für eine vernünftige Sprachausgabe hatte.

Die beteiligten Personen sprachen so seltsam (nicht nur die Worte selbst, sondern auch die Betonung), dass ich mich fragte, was sie wohl zu Essen bekommen hatten. Oder hatten sie etwa zuviel getrunken? In der Tun Tavern war mir schon mal aufgefallen, dass der übermäßige Konsum eines Getränkes, dass sie als Alkohol bezeichneten, zu Sprachstörungen führte. Das klang ja grauenhaft. Zu meiner Verwunderung schien sich keiner der Anwesenden daran zu stören. Das musste wohl mit meinem Chig-Gehör zusammenhängen. Bestimmt funktionierten menschliche Ohren anders oder arbeiteten auf anderen Frequenzbereichen.

Nach einer Weile fingen die Zuschauer an, ihre Hände wild gegeneinander zu schlagen. Was war denn nun los? Waren jetzt alle verrückt geworden? Diese Menschen waren ja noch viel unberechenbarer als ich dachte. Mit Befremden verfolgte ich dieses merkwürdige Benehmen. Die Beteiligten vor der Kulisse fingen an sich zu verbeugen. War jetzt die Zeit für sportliche Übungen?

Die Menschen sind eine wirklich seltsame Rasse. Ich würde noch viel zu lernen haben ...

Silvia

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Die Charaktere und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.

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